Anti-Rassismus

Wer für die Zukunft handelt, muss die Vergangenheit kennen

Für eine nachhaltige und wirkungsvolle Entwicklungszusammenarbeit ist die bewusste, ernsthafte und kritische Reflexion über die kolonialen Prägungen unserer Gesellschaft unbedingte Voraussetzung. Es ist die Aufgabe der Politik, einen aktiven Prozess der Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe Deutschlands in Gang zu bringen. Eine Politik, die bei der Auseinandersetzung mit den Nord-Süd-Beziehungen die Kolonialgeschichte ausblendet, ist unglaubwürdig und greift zu kurz. Das Nord-Süd-Gefälle ebenso wie der in unserer Gesellschaft allgegenwärtige Alltagsrassismus findet seine Wurzeln in eben dieser kolonialen Vergangenheit.

Berlin präsentiert sich gerne als internationale, multikulturelle und weltoffene Hauptstadt. Doch häufig wird verdrängt, vergessen und verschwiegen: Die Stadt hat eine koloniale Vergangenheit – von 1885 bis 1919 war Berlin die Hauptstadt des deutschen Kolonialreichs. Und diese koloniale Vergangenheit reicht bis in die Gegenwart, sie hat die Stadt geprägt und ist noch heute an vielen Ecken sichtbar (hier finden Sie mehr über die alltägliche Gegenwart der kolonialen Vergangenheit Berlins).

Kolonialistische Straßennamen

Vor allem bei Straßennamen: Der BER hat ein Dossier über Straßennamen mit Bezügen zum Kolonialismus in Berlin (230 KB) herausgegeben (zusammen mit AfricAvenir International, Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, Internationale Liga für Menschenrechte, Projekt „Unterm Teppich?“, Tanzania-Network.de, Uwatab und Werkstatt der Kulturen), in dem sich 70 solcher Straßen und Plätze finden.

Bei all diesen Straßen sollte auf ihren kolonialen Kontext verwiesen werden, etwa durch Erklärungsschilder. In besonders eklatanten Fällen, speziell dort, wo die „Kolonial­pioniere“ für ihre Rolle bei der gewaltsamen Begründung des deutschen Kolonialreichs geehrt werden, sind Umbenennungen jedoch unumgänglich. Kolonialverbrecher wie Hermann von Wissmann und Carl Peters sind als Namenspatrone für Straßen in einem demokratischen Gemeinwesen nicht tragbar, ebenso wenig wie die mit einem rassistischen Begriff betitelte „Mohrenstraße“.

Der BER hat Podiumsdiskussionen und Veranstaltungen in Berliner Bezirken durchgeführt, um auf diese Problematik aufmerksam zu machen. Durchführen müssen die Kommentierungen und Umbenennungen die Bezirke, da sie gesetzlich dafür zuständig sind und nicht der Senat. Beim 11. Forum Berliner Entwicklungspolitik im November 2007 sprachen sich jedoch Parlamentarier des Berliner Abgeordnetenhauses von SPD (Michael Arndt), Die Linke (Evrim Baba), Bündnis 90/Die Grünen (Oliver Schruoffeneger) und FDP (Henner Schmidt) für einen überparteilichen Antrag aus, der die Bezirke zum Handeln auffordert und flankierende Maßnahmen des Senats vorsieht.

Perspektivumkehr: May Ayim-Ufer anstatt Gröbenufer

Im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg hat die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen im Oktober 2007 auf der Grundlage des oben erwähnten Dossiers einen Antrag eingebracht, der die Umbenennung des Gröbenufers in May-Ayim-Ufer forderte. Dies war die erste parlamentarische Umbenennungsinitiative in Berlin. Im Mai 2009 wurde die Umbenennung schließlich mit den Stimmen von Grünen, Linken und SPD in der Bezirksverordnetenversammlung beschlossen. Die Straßenschilder wurden am 27. Februar 2010 im Rahmen eines vom BER sowie von der Kampagne "125 Jahre Berliner Afrika-Konferenz" organisierten Festakts ausgetauscht. Mit der Umbenennung in May-Ayim-Ufer wurde in Deutschland erstmals eine Perspektivumkehr vollzogen: Statt eines Kolonialakteurs wird einer Aktivistin gegen Kolonialismus und Rassismus gedacht.

Das Gröbenufer wurde 1895 nach Otto Friedrich von der Groeben (1656-1728) benannt. Im Auftrag des "Großen Kurfürsten" begründete der Offizier an der "Goldküste" des Golfes von Guinea, im heutigen Ghana, 1683 die brandenburgisch-preußische Handels-Kolonie Großfriedrichsburg. Die durch von der Groeben angelegte Festung diente der "Brandenburgisch-Afrikanischen Kompanie" für knapp drei Jahrzehnte als Stützpunkt für den Sklavenhandel. Bis zur Aufgabe der Kolonie im Jahre 1717 wurden von Brandenburg-Preußen mindestens 20.000 Menschen in die Karibik verschleppt und auf Sklavenmärkten verkauft.

>>>Dossier zu von der Gröben von Berlin Postkolonial, als pdf 880 KB

May Ayim (1960-1996) war eine deutsche Dichterin, Pädagogin und Aktivistin der afrodeutschen Bewegung. Ab 1984 lebte sie in Berlin, wo sie eine Ausbildung als Logopädin machte und als Lehrbeauftragte an mehreren Hochschulen arbeitete. Sie gilt als eine der Pionierinnen der kritischen Weißseinsforschung in Deutschland,

Gedenken am „Afrika-Stein“ – Völkermord wird verschwiegen

Auf dem Garnisonsfriedhof am Columbiadamm in Neukölln steht der so genannte Afrika-Stein (früher Herero-Stein). Dieses Denkmal ehrt die im Kolonialkrieg in Afrika gefallenen deutschen Soldaten als „Helden“.

Anlässlich des hundertsten Jahrestages der „Schlacht am Waterberg“, die den Beginn des von deutschen „Schutztruppen“ begangenen Völkermordes an den Herero, Nama, Damara und San darstellt, hielt der vom BER und anderen Organisationen ins Leben gerufene Trägerkreis „Erinnern – Deutsche Kolonialgeschichte aufarbeiten“ am 11. August 2004 eine Gedenkveranstaltung ab und stellte neben dem „Afrika-Stein“ eine provisorische Gedenktafel mit der Aufschrift „Zum Gedenken an die Opfer des deutschen Völkermordes in Namibia 1904 – 1908“ auf. Vertreter/innen der Bundesregierung und der Stadt Berlin erschienen nicht zu der Veranstaltung.

Der Trägerkreis forderte den Berliner Senat auf, eine dauerhafte und angemessene Lösung für das Gedenken zu finden. Die Forderung fand Gehör: Noch 2004 beschloss die Neuköllner Bezirksverordnetenversammlung, den Stein um eine Gedenktafel für die Opfer des deutschen Kolonialismus zu ergänzen. Erst fünf Jahre später - und nachdem es immer wieder Druck aus der Zivilgesellschaft gegeben hatte -, wurde dieser Beschluss schließlich vom Bezirksamt umgesetzt.

Der Text auf der Gedenktafel, die am 2. Oktober 2009 enthüllt wurde, ist jedoch aus Sicht des BER und vieler anderer Organisationen (Pressemitteilung) unzureichend und nicht für die Versöhnung mit Namibia geeignet: Der Begriff „Völkermord“ taucht auf der Tafel nicht auf. Stattdessen heisst es: „Zum Gedenken an die Opfer der deutschen Kolonialherrschaft in Namibia 1884 - 1915 insbesondere des Kolonialkrieges von 1904 - 1907“. Darunter folgt ein Zitat von Wilhelm von Humboldt: „Nur wer die Vergangenheit kennt hat eine Zukunft“.

Es ist jedoch wissenschaftlich unumstritten, dass es sich bei den 1904 bis 1908 verübten Gräueltaten um Völkermord handelte, und auch Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul verwendete in ihrer Rede anlässlich der Gedenkfeierlichkeiten in Namibia 2004 dieses Wort. Dies - offenbar aus Angst vor möglichen Reparationsforderungen - auf der Gedenktafel zu verschweigen, stellt eine Vertuschung und letztlich eine Verharmlosung des Völkermordes dar - und führt zudem das Humboldt-Zitat ad absurdum. Bei der Enthüllung brachte dies auch der anwesende namibische Botschafter zum Ausdruck, der in seiner Rede den Genozid mehrmals benannte, von „Schwächen“ des Textes auf der Tafel sprach und den BER und die anderen Herausgeber der kritischen Pressemitteilung ausdrücklich begrüßte.
Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie in Artikeln von taz 2009, taz 2008 und epo.

Rassismus und Entwicklungszusammenarbeit

Weder die entwicklungspolitische Theorie noch die Praxis ist frei von stereotypen Bildern und Rassismen. Der BER setzt sich seit mehreren Jahren mit dieser Problematik auseinander, um Veränderungen in der entwicklungspolitischen Szene zu befördern. Von 2006 bis 2008 hat der BER jährlich ein Antirassismustraining durchgeführt. Zusammen mit den Landesnetzwerken aus Hamburg, Hessen und Sachsen hat der BER 2007 die Broschüre „Von Trommlern und Helfern. Beiträge zu einer nicht-rassistischen entwicklungspolitischen Bildungs- und Projektarbeit“ herausgegeben. Daran anschließend haben die beteiligten Landesnetzwerke weiterführende Workshops zur Vertiefung des Themas angeboten, in denen es etwa um Spendenwerbung ohne rassistische Stereotype ging.

Eine wichtige Anregung aus der Broschüre war auch die stärkere Einbeziehung von Migrant/innen in die EZ-Arbeit sowie grundsätzlich ein neues Verständnis des Verhältnisses von Entwicklung und Migration. Der BER versucht, auf migrantische und migrationspolitische Gruppen in Berlin zuzugehen und Kooperationsmöglichkeiten auszuloten, etwa mit dem Afrikarat.

Städtepartnerschaft mit Windhuk

Die im Jahr 2000 ins Leben gerufene Städtepartnerschaft mit der namibischen Hauptstadt Windhuk wurde bis 2008 kaum mit Leben gefüllt. Unter den 17 existierenden Städtepartnerschaften Berlins wurde sie besonders schlecht bedient. Und das obwohl das Abgeordnetenhaus schon 2004 auf Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen den Beschluss „Verantwortung für die deutsche Kolonialgeschichte in Afrika wahrnehmen – gemeinsame Aktivitäten mit der Partnerstadt Windhoek fördern“ verabschiedet hat.

Erst mit dem Kulturaustauschprogramm „shared experiences“ von p.art.ners berlin-windhoek beginnt sich dies zu ändern. Trotzdem müsste die Städtepartnerschaft noch wesentlich intensiver genutzt werden, um Versöhungsarbeit mit Namibia zu leisten.

Forderungen des BER

Das Selbstverständnis als weltoffene Metropole ist unglaubwürdig, solange Berlin sich nicht ernsthaft und kritisch mit den an vielerlei Orten auftauchenden Spuren seiner kolonialen Vergangenheit auseinandersetzt.

Die Bekämpfung der heute existierenden Nord-Süd-Ungleichheit und des Rassismus kann nur dann effizient sein, wenn eine Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit stattfindet. Der BER fordert daher, dass die Stadt Berlin ihre Verantwortung für die deutsche Kolonialgeschichte wahrnimmt und die ernsthafte und kritische Reflexion über die koloniale Vergangenheit Deutschlands vorantreibt.

Konkret fordert der BER:

Umbenennung von nach Kolonialverbrechern benannten Straßen und Plätzen sowie die Errichtung von Gedenkorten

Eine Liste der umzubenennenden oder öffentlich zu kommentierenden Straßen enthält das 2008 vom BER und anderen Gruppen herausgegebene Dossier „Straßennamen mit Bezügen zum Kolonialismus in Berlin“ (als pdf, 230 KB).

Inventarisierung und – in Zusammenarbeit mit den Herkunftsländern – Rückführung von Kulturgütern und Gebeinen aus ehemaligen Kolonien

Gezielte Nutzung der Städtepartnerschaft mit Windhuk zur Versöhnungsarbeit mit Namibia

Förderung von Antirassismusarbeit und Bewusstseinsbildung an den Schulen

In dem 2004 verabschiedeten Beschluss des Abgeordnetenhauses wird ausdrücklich die gemeinsame Erstellung von Unterrichtsmaterialien genannt. Kolonialismus ist als Thema in den neuen Berliner Rahmenlehrplänen vorgesehen. Jetzt gilt es, diese auch tatsächlich in den Unterricht einzubringen.

Spezielle Förderinstrumente für entwicklungspolitische Projekte migrantischer Gruppen und Vereine

Weiterführende Seiten und Links

>>>Festakt zur Umbenennung des Berliner Gröbenufers in May Ayim Ufer am 27. Februar 2010: Fotos und Rede des BER
>>>Kommentar zur Debatte um die Umbenennung des Gröbenufers in May Ayim-Ufer von Armin Massing (BER), März 2010

>>>berlin-postkolonial.de
>>>m-strasse.de
>>>depo (deutschland postkolonial)
>>>der braune mob e.V.



letzte Änderung: 7. Januar 2011 13:02